Gesellschaftlicher Mythos

ZusammenhaltDa stand Dr. Louwen, der sich rühmt, ein Berater in Sachen Schwangerschaft und Risiken zu sein, am Pult mit Klaus Kleber im ZDF heute journal  und behauptete, dass es auch eine Frage der Finanzen sei, sich ein Kind mit Behinderung „leisten“ zu können. Schade, dass er als Leiter einer bekannte Klinik für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik ein so sicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit hatte. Noch nie gab es so viele Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten für Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigung wie heute. Aber Dr. Louwen scheint noch in einer anderen Zeit zu leben, denn er sprach im heute journal auch von einer Erkrankung im Zusammenhang mit dem Down-Syndrom. Fakt ist jedoch, dass Trisomie 21 eine Genbesonderheit ist und keine Krankheit. Und um diese ging es auch in dem aktuellen Beitrag der ZDF-Nachrichtensendung. Vielmehr um die jetzt nahende Orientierungsdebatte im Bundestag, ob der Bluttest zur Fahndung nach Trisomie 21 eine Kassenleistung werden soll.

Der Bluttest stellt eine Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom dar und diskriminiert behinderte Menschen in der schärfsten Form. Und logischerweise kann man nur die Meinung des ehemaligen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, doppelt unterstreichen, dass der Bluttest weder der Heilung noch der Gesundheit dient, sondern fast einzig dem Aufspüren und anschließenden Töten von Menschen mit Down-Syndrom.

Was hierzulande kaum bekannt ist: Die derzeitige Gesetzeslage erlaubt im Fall des Down-Syndroms eine Abtreibung zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft, auch die Tötung von lebensfähigen Föten. Die Eltern sind nicht verpflichtet, sich über die Entwicklungschancen ihres Kindes beraten zu lassen. In aller Regel wird ihnen nicht mal ein solches Angebot gemacht. Eine Gesetzesänderung muss her: Kinder im Mutterleib – ob und mit oder ohne Behinderung – haben ein Recht auf Gleichbehandlung. Die Spätabtreibung darf auch bei diagnostizierter Beeinträchtigung nicht möglich sein und muss so bestraft werden, wie bei Kindern ohne festgestellter Behinderung.

Wer sich für das Menschenrecht auf Leben einsetzt, geht keinen religiösen oder christlichen Sonderweg, sondern er steht auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Tötung behinderter Menschen im Mutterleib bis kurz vor der Geburt ist eine der schlimmsten Formen der Diskriminierung. Der Begriff der guten Hoffnung hat keine Chance mehr, die Schwangerschaft ist zu einer Kultur der Selektion geworden.

Weltweit wird jedes 800. Kind mit dem Down-Syndrom geboren, früher diskriminierend Mongolismus genannt. Beim Down-Syndrom ist das 21.
Chromosom dreimal statt zweimal vorhanden, daher auch die Bezeichnung Trisomie 21. Heutzutage stehen Eltern mit einem behinderten Kind nicht allein da. Sie erhalten umfangreiche Unterstützung durch den Staat. Und es gibt zahlreiche Organisationen wie spezifische Elterngruppen, Aktion Mensch oder die Lebenshilfe, die die Familien ebenfalls zur Seite stehen. Ethikerin Dr. Sigrid Graumann macht darauf aufmerksam, dass in der Gesellschaft oft noch ein falsches Bild herumschwirrt. „Die verbreitete Angst vor einem Kind mit Down-Syndrom beruht nämlich weniger auf der Erfahrung von Familien, die ein Kind mit Down-Syndrom haben, als auf einem gesellschaftlichen Mythos, der allerdings ausgesprochen wirkungsvoll ist.“

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.