Mal ein bisschen Müll abbauen

Höher, schneller, weiter … So geht’s zu in unserer Welt. Alles Dagewesene muss nochmal getoppt werden. Nichts ist gut genug, so scheint es. Natürlich ist es entwicklungsspezifisch notwendig, dass der Mensch ehrgeizig ist. Für viele gute Dinge, geniale Erfindungen wäre der Weg niemals geebnet worden. Und sowieso wären wir ohne Antrieb allesamt höchstwahrscheinlich auf den Laufstegen der Höhlen unterwegs. Doch warum kann der Mensch das sinnvolle Maß nicht finden? Warum muss es immer noch weiter hinauf gehen, wenn beispielsweise der Sprung-Athlet dort nur noch mit unterstützender, nicht gerade gesundheitsfördernder Medikation hingelangt? Für mich sind diese ungesunden Rekorde keine Erfolge, sondern reiner Wahnsinn. Höher, schneller, weiter soll es auch für die Menschen im Alltag gehen. Sekündlich, so scheint es, sollen wir die Informationsflut dieser Welt filtrieren und diese nach Möglichkeit auch noch liken oder eben mit einem Shitstorm bedenken, diese verarbeiten, im Hirn bewegen, verdauen, speichern oder ausscheiden. Auch das der reine Wahnsinn. Aber als Normalität im Alltag anerkannt. Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen an Burn-Out und Co. erkranken.

Der Mensch schafft sich seine eigenen Müllberge, nicht nur im Wortsinne, sondern auch im übertragenen. In der Infooffensive der neuen Medien steckt nämlich genauso viel Überflüssiges wie im Abfallaufkommen der Deutschen. Das betrug 2018 rund 417,2 Millionen Tonnen, 1,2 Prozent mehr als noch im Jahr davor. Und so wie der Unrat der Reste und des Ramschs steigen, so nimmt auch der gedankliche Schrott zu. Und das wiederum hat ebenfalls etwas mit dem Ehrgeiz des Menschen zu tun. Der Fortschritt – eben die schnelle Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik, die globale Vernetzung des Wissens sowie die Zunahme der Publikationsformen – sorgt für die Informationsüberflutung. Auf den ersten Blick wirkt die Vielfalt der Nachrichten wie ein Gewinn, doch in letzter Konsequenz verursacht der Haufen  an nicht recherchierten, unqualifizierten Nachrichten eher eine Passivität bei dem Empfänger. Die Überlastung führt zur Entscheidungsunfähigkeit. Damit stellt sich der Mensch einmal mehr ein Bein. So wie bei den sportlichen Rekorden: bei denen Athleten an die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit gehen, um den kurzen Erfolg zu haben. Der heute noch kürzer ist als je zuvor: weil eben auch dieser in der Informationsflut untergeht.

Und darum heißt die Devise wie auch schon  in der Urzeit: in sich hineinhorchen. Geht es um Bewegungsaktivitäten, meldet der Körper selbst, wann es ihm zu viel wird. Und wer auf dieses Zeichen hört, schluckt keine Pillen, um seinen Körper, seinen eigenen Motor, auszutricksen. Und leidet man unter dem Nachrichten-Wirrwar – einfach mal ein paar Kanäle ausschalten und sich ausschließlich bei seriösen Quellen informieren. Das macht klug und belastet nicht. Im Gegenteil: Wer hochwertige Nachrichten bewusst verwertet, ist gerüstet für anspruchsvolle Diskussionen und wirklich gute neue Ideen für eine humane Zukunft.

Guter Hoffnung sein

Herz Behinderung

37 Grad – große Überschrift für eine ebenso große Reportagereihe des ZDF. Gerade in diesen Zeiten der unkontrollierten Veröffentlichungen im Netz wird der Wert der unkommentierten Berichterstattung umso immenser. Die Kollegen aus der 37-Grad-Redaktion schicken Bilder auf den Äther, die der Betrachter selbst bewerten kann und soll. Sie sind so objektiv, wie es die klassische Chronistenpflicht verlangt. In eben einer solchen Folge dieser Reihe erlebten wir jüngst Eltern, die sich trotz umfangreicher Pränataldiagnostik der leider heutzutage immer mehr propagierten Auslese der Föten im Mutterleib verwehren. Die das Leben als solches anerkennen und „Ja“ sagen zu ihren Kindern mit Beeinträchtigungen. Mütter und Väter, die erkannt haben, dass wir Menschen kein Recht haben zu entscheiden, welches Leben lebenswert ist oder nicht.

Überhaupt: Wie widersprüchlich können wir als Gesellschaft sein, schützen wir den Feldhamster und die Wiesenschildkröte, propagieren aber mit eigens entwickelten Bluttest im Rahmen der Pränataluntersuchung, dass zum Beispiel ein Mensch mit Down-Syndrom nicht den Wert habe wie ein anderes Leben und bis zur Geburt abgetrieben werden könne. In was für einer Welt leben wir, wo solche menschenverachtenden Maximen ausgegeben werden?! In der 37-Grad-Reihe waren die drei Elternpaare auf der Seite ihrer Kinder. Denn es sind ihre Töchter, ihre Söhne, die sie auf die Welt bringen – mit oder ohne Beeinträchtigung, ihre Mädchen und Jungen sind Menschen.

Und sind wir doch mal ehrlich, was wissen wir schon, ob nicht ein vermeintlich gesunder Nachwuchs im Laufe seines Lebens eine Behinderung erfährt?! Oder vielleicht sogar auch schon während der Geburt, was in 80 Prozent der Fälle der beeinträchtigten Kinder bilanziert werden muss?! Will man dann seine Kinder abschieben, weil sie die Norm nicht mehr erfüllen?! Und was ist überhaupt diese Norm-Erfüllung, was ist normal?! Mediziner sagen vielen werdenden Eltern, die ein Kind mit Beeinträchtigung erwarten, dass ihnen ein schweres Leben bevorstehe würde. Woher wollen sie das wissen? Sind sie Propheten? Und sind sich eben jene Mediziner sicher, dass auf ihren Lebenswegen keine Hürden auf sie warten? Natürlich nicht, warum also setzen sie die Mütter, die guter Hoffnung sein sollen, derart unter Druck?! Diese Schwangeren sollten vielmehr die Mütter und Väter besuchen, die bereits glückliche Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen sind, und diese fragen, wie sie sich fühlen, wie sie das Leben gestalten. So wie die Elternpaare, in der 37-Grad-Reportage, die ganz selbstverständlich, auch teilweise mit Ängsten, wie das immer so ist bei Neuem, ihre Kids mit den Besonderheiten zur Welt gebracht haben. Denn Sie wissen, was sie tun – einfach ihre Kinder, ihren Nachwuchs, ihre Töchter und Söhne zur Welt bringen und auf ihren Weg begleiten – mit guter Hoffnung.

In der 37-Grad-Reportage lernten wir beispielsweise Eltern kennen von einem Zweijährigen, der eine seltene Chromosomen-Besonderheit hat und dem keine Überlebenschancen von Seiten der Medizin gegeben worden waren. Aber Paul entwickelt sich – trotz aller nicht wissenschaftlich belegten Prognosen – munter, benötigt täglich eines besonderen Pflegebedarfs, trabt dennoch fröhlich durch die Welt. Genauso wie seine Eltern, die vieles einfach nur anders machen im Alltag als andere Mütter und Väter. Pauls Mutter und Vater nutzen beispielsweise die heutigen Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten , die noch niemals so gut und umfangreich waren wie heute.

Paul geht es gut. Das sagten die TV-Bilder aus. Das sollte allen werdenden Eltern Mut machen, guter Hoffnung zu sein. Immer. Gleichgültig, welche Aussagen in der Pränataldiagnostik gemacht werden. Denn: Jedes Leben ist eine einzigartige Geschichte.

Empathie ist der größte Schatz

EmpathieIch habe im Laufe meines Lebens schon viele Menschen kennen gelernt. Habe schon einige Jährchen auf dem Buckel. Und je mehr ich Gattungsgenossen studieren durfte, desto mehr weiß ich um die unspektakuläre Bedeutung des klassischen IQ. Wissenschaftlich gemessen kann man eine Zahl herausfiltern, aus der sich aber auf keinen Fall ein erfolgreicheres Leben ableiten lässt – nach dem Motto: Je höher der Intelligenzquotient, desto produktiver ist der Mensch. So ist es nicht. Die Lebenswege sind nicht abhängig vom Scharfsinn, wissenschaftlicher Bildung, sondern vielmehr von Zufällen, Entscheidungen, Ansichten aufs und rund ums Leben. Wer empathisch ist, fühlt sich in der Regel mehr mitten im Leben als derjenige, der der Intelligenz nach dem Duden angehört. Wer dazu noch über eine stabile Resilienz verfügt, hat gute Karten, die Hürden des Lebens mit Stärke zu nehmen. Hirnforscher wie Gerald Hüther propagieren längst, dass die Gesellschaft von morgen nicht die Intellektuellen prägen werden, sondern vielmehr diejenigen, die gelernt haben, in der großen Gemeinschaft den Einzelnen zu erkennen und Wert zu schätzen. Empathie ist das größte Pfund, mit dem man in Zukunft wuchern kann und sollte. Das Individium erkennen und Talente zusammenführen bringt den größtmöglichen Erfolg. Nicht nur für die persönliche Zielerreichung, nicht nur für eine soziale gesunde Gesellschaft, sondern auch für ein wirtschaftlich stabiles Land.

Sagt „Ja“ zur Gleichstellung

inclusion-4025631_1280 (1)Fast drei Jahrzehnte lang machen es uns die USA vor, wie Barrierefreiheit grenzenlos funktioniert. Die Freiheitsstatue fährt Rollstuhl sozusagen. Die Staaten nehmen ihr Behindertengleichstellungsgesetz wörtlich – Americans with Disabilities Act (ADA) sorgt seit 1990 dafür, dass beeinträchtige Menschen, auf einem guten, auf einem barrierefreien Weg sind. Unbefangen unterwegs zu sein auch als Nicht-Fußgänger ist in deutschen Gefilden ein Wagnis. In zahlreichen Restaurants und an vielen Orten der Sehenswürdigkeiten gibt’s noch nicht mal eine Behindertentoilette. In Amerika ist der touristische place to be standardmäßig mit einer solchen ausgestattet. Und wenn nicht, hat der Freizeittreff eine Außenseiterrolle. Ja, hallo, das geht. Nichtbehinderte erklären sich solidarisch mit eingeschränkten Zeitgenossen und meiden den Ort der Nachlässigkeit in Sachen Barrierefreiheit. In den USA sind ausreichend barrierefreie Hotelzimmer vorhanden, Mietwagen kann man beispielsweise überall mit Handgas mieten, wenn man nicht per pedes fahren kann. Was für eine Signalwirkung!

Das amerikanische Behindertengleichstellungsgesetz verlangt regelrecht angemessene Vorkehrungen zu treffen, damit Menschen mit Beeinträchtigungen nicht diskriminiert werden. Und bewirkt damit eine Nachdenkpflicht über die Bedürfnisse, die eigentlich normal aus der Sicht von Menschen mit Handicap. Und weil die Individualität jedes einzelnen besondere Vorkommnisse bei jedermann, jederfrau mit sich bringt, ist es generell normal. Normalität ist eben verschieden zu sein. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt. Ein Grundbedürfnis eines Menschen ist es, einer Beschäftigung nachzugehen. Mit Lohn als Erfolgserlebnis. Und ein Grundrecht für alle ist es ebenfalls in Deutschland. Doch was nutzt es, eben auch als behinderter Mensch dieses Grundrecht zu haben, aber keine Chance zu bekommen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das macht eher einen grausamen Scherz aus und führt diesen Anspruch ad absurdum. Amerika verlangt von seinen Arbeitgebern per Gesetz Maßnahmen, um Menschen mit Beeinträchtigung ganz selbstverständlich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.
Das ist kein amerikanischer Traum, sondern traumhafte Wirklichkeit in den Staaten. Einer Realität, der wir in Deutschland folgen sollten. Eine starke Gesetzgebung zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen zu etablieren ist hierzulande längst überfällig. Immer noch gibt es keinen ausreichenden Schutz vor Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Kinder mit Behinderung dürfen bis zur Geburt abgetrieben werden, Erwachsene, die blind oder taub seien, werden vielfach vom ersten Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Noch immer findet an vielen Schulen lediglich eine Pseudo-Inklusion statt, die dann zum Scheitern verurteilt ist. Und aus diesem Resultat heraus werden Kinder mit Behinderungen oftmals aus der Regelschule ausgegrenzt. Straßen und Bürgersteige, öffentliche Gebäude und Sehenswürdigkeiten sind viel zu oft für Rollstuhlfahrer unbenutzbar.

Deutschland wurde einmal mehr vom UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufgefordert, das Konzept der angemessenen Vorkehrungen in allen Rechts- und Politikbereichen zur Gleichstellung von Menschen mit Beeinträchtigung gesetzlich zu verankern. Dazu hatte sich Deutschland mit der Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention bereits verpflichtet. Angemessene Vorkehrungen zu treffen stellen das Einmaleins der baulichen Barrierefreiheit dar und müssen unbedingt auf die Agenda der Verpflichtungen gesetzt werden. Das Institut für Menschenrechte hat das in leichter Sprache gut erklärt. Deutschland blockiert. Wir seien immer noch gut im Aussortieren, sagten jüngst die Kultusminister unserer europäischen Nachbarn bei der entsprechenden EU-Tagung zu ihren deutschen Kollegen. Keine internationale Auszeichnung für uns, eher ein Armutszeugnis. Und. sehr geehrte Politik, die Art und Weise, wie man mit Menschen mit verschiedensten Hintergründen umgeht, beschreibt unsere Werte und symbolisiert, wer wir sind. Vielleicht erzeugt diese Wahrheit zum Nachdenken und sorgt dafür, dass die Bundesregierung endlich ihre Hinhaltetaktik zum Diskriminierungsschutz aufgibt.

Gesellschaftlicher Mythos

ZusammenhaltDa stand Dr. Louwen, der sich rühmt, ein Berater in Sachen Schwangerschaft und Risiken zu sein, am Pult mit Klaus Kleber im ZDF heute journal  und behauptete, dass es auch eine Frage der Finanzen sei, sich ein Kind mit Behinderung „leisten“ zu können. Schade, dass er als Leiter einer bekannte Klinik für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik ein so sicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit hatte. Noch nie gab es so viele Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten für Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigung wie heute. Aber Dr. Louwen scheint noch in einer anderen Zeit zu leben, denn er sprach im heute journal auch von einer Erkrankung im Zusammenhang mit dem Down-Syndrom. Fakt ist jedoch, dass Trisomie 21 eine Genbesonderheit ist und keine Krankheit. Und um diese ging es auch in dem aktuellen Beitrag der ZDF-Nachrichtensendung. Vielmehr um die jetzt nahende Orientierungsdebatte im Bundestag, ob der Bluttest zur Fahndung nach Trisomie 21 eine Kassenleistung werden soll.

Der Bluttest stellt eine Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom dar und diskriminiert behinderte Menschen in der schärfsten Form. Und logischerweise kann man nur die Meinung des ehemaligen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, doppelt unterstreichen, dass der Bluttest weder der Heilung noch der Gesundheit dient, sondern fast einzig dem Aufspüren und anschließenden Töten von Menschen mit Down-Syndrom.

Was hierzulande kaum bekannt ist: Die derzeitige Gesetzeslage erlaubt im Fall des Down-Syndroms eine Abtreibung zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft, auch die Tötung von lebensfähigen Föten. Die Eltern sind nicht verpflichtet, sich über die Entwicklungschancen ihres Kindes beraten zu lassen. In aller Regel wird ihnen nicht mal ein solches Angebot gemacht. Eine Gesetzesänderung muss her: Kinder im Mutterleib – ob und mit oder ohne Behinderung – haben ein Recht auf Gleichbehandlung. Die Spätabtreibung darf auch bei diagnostizierter Beeinträchtigung nicht möglich sein und muss so bestraft werden, wie bei Kindern ohne festgestellter Behinderung.

Wer sich für das Menschenrecht auf Leben einsetzt, geht keinen religiösen oder christlichen Sonderweg, sondern er steht auf dem Boden des Grundgesetzes. Die Tötung behinderter Menschen im Mutterleib bis kurz vor der Geburt ist eine der schlimmsten Formen der Diskriminierung. Der Begriff der guten Hoffnung hat keine Chance mehr, die Schwangerschaft ist zu einer Kultur der Selektion geworden.

Weltweit wird jedes 800. Kind mit dem Down-Syndrom geboren, früher diskriminierend Mongolismus genannt. Beim Down-Syndrom ist das 21.
Chromosom dreimal statt zweimal vorhanden, daher auch die Bezeichnung Trisomie 21. Heutzutage stehen Eltern mit einem behinderten Kind nicht allein da. Sie erhalten umfangreiche Unterstützung durch den Staat. Und es gibt zahlreiche Organisationen wie spezifische Elterngruppen, Aktion Mensch oder die Lebenshilfe, die die Familien ebenfalls zur Seite stehen. Ethikerin Dr. Sigrid Graumann macht darauf aufmerksam, dass in der Gesellschaft oft noch ein falsches Bild herumschwirrt. „Die verbreitete Angst vor einem Kind mit Down-Syndrom beruht nämlich weniger auf der Erfahrung von Familien, die ein Kind mit Down-Syndrom haben, als auf einem gesellschaftlichen Mythos, der allerdings ausgesprochen wirkungsvoll ist.“

 

Inklusion – aber richtig!

 

 

Der Streit um inklusive Bildungsmodelle nimmt skurrile Ausmaße an. Von einer Pause, die man in diesem Bereich mal machen könne und solle, so lauten die Schlagzeilen in der hannoverschen Medienlandschaft. Wie bitte? Ein Menschenrecht soll pausieren?! Soweit kommt es noch! Inklusive Beschulung funktioniert – das beweist alltäglich zum Beispiel die Otfried-Preußler-Schule in der Südstadt Hannovers. Eine Grundschule, die Kinder mit und ohne Beeinträchtigung zum Lernen einlädt. „Inklusion – aber richtig!“: Das ist das Motto aus meiner Sicht.

„Natürlich lernt jedes Kind auf seiner Leistungsstufe“, betont Alexandra Vanin, Rektorin der Otfried-Preußler-Schule in Hannovers Südstadt. In die Klasse 3a  ihrer Schule mit dem Motto „Wurzeln geben – Vielfalt leben“ gehen beispielsweise vier Kinder mit so genannter geistiger Beeinträchtigung. Sie alle gemeinsam haben Anrecht auf Förderstunden, die es in der Summe möglich machen, dass in der 3a ständig ein Lehrer-Duo unterrichtet. Noch dazu stehen den Pädagogen drei Schulassistenten zur Seite, die aus einem schuleigenen Pool aus Inklusionshelfern kommen. Das unterstütze den Teamgedanken im Kollegium, erklärt die Schulleiterin und ergänzt: „Für die Lehrer ist es oft vorteilhaft, dass sie nicht mehr allein die auftretenden Probleme innerhalb einer Klasse bewältigen müssen.“ Schließlich gäbe aus auch immer mehr so genannte Regelkinder, die ebenfalls Unterstützungsbedarf hätten.

Seit zehn Jahren befindet sich die Otfried-Preußler-Schule auf dem inklusiven Weg. Rektorin Margret Dahm, Vorgängerin von Alexandra Vanin, hatte das neue Zeitalter in dem Gebäude an der Meterstraße eingeläutet. Damals noch auf Druck von Eltern, „aber schon aus voller Überzeugung“, so die heutige Schulleiterin. Viel dazulernen mussten Lehrer, Eltern wie Schüler, um fürs gemeinsame Miteinander Hemmschwellen und Ängste zu überwinden. „Es ist normal, verschieden zu sein, ist seitdem das Motto unserer Schule“, sagt Vanin. Für ihr innovatives Konzept und die gute pädagogische Umsetzung hat die Otfried-Preußler-Schule mittlerweile einige Preise eingeheimst.

2016 Jahr ist die Schule in die Birkenstraße umgezogen. Die neuen Räumlichkeiten bieten den idealen Rahmen für gelebte Inklusion im Bildungsbereich. 374 Mädchen und Jungen besuchen derzeit die Vorbildschule für die gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder. 33 davon haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf – von der Sprache über die geistige Entwicklung bis hin zu den Bereichen Lernen, Hören, Sehen oder Motorik. Für eine gelungene Inklusion sei es Vanin zufolge nötig, alle mitzunehmen: die Kinder, die Eltern und nicht zuletzt die Lehrer. „Die Pädagogen, die eine gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern umsetzen sollen, müssen darauf richtig vorbereitet werden“, sagt sie. „Daran hapert es vielerorts noch.“

Damit das gemeinsame Unterrichten funktioniert, wird darauf geachtet, dass die Schulklassen gut gemischt sind – und dass jedes Kind individuell gefördert wird. Viel Wert wird auf selbst organisiertes Lernen gelegt, Teamarbeit wird großgeschrieben. Auch unter den Lehrkräften. Gemeinsam gestalten die Pädagogen den Unterricht so, dass jedes Kind Aufgaben bekommt, die seinem Wissensstand entsprechen. Die Rektorin ist überzeugt: „Es ist die Aufgabe von Schule, das Leben in seiner ganzen Vielfalt abzubilden.“ Zudem würden Studien belegen, dass Kinder in inklusiven Schulen bessere Leistungen erbringen. Sei eine Schulklasse durchmischt, profitierten beide Seiten: Die Kinder mit Förderbedarf würden sich vieles von ihren Schulkameraden abschauen, die Mädchen und Jungen ohne Beeinträchtigungen könnten ihr Wissen vertiefen und soziale Kompetenzen erlernen. Durch Projektarbeit, Lernen an Stationen und anderen Methoden der inklusiven Didaktik würden die Schüler nicht nur rund ums Fachwissen, sondern auch zu Kooperation und Rücksichtnahme geschult. Durch den Lehr-Lern-Effekt, der eintritt, wenn ein Mädchen oder Junge einem Mitschüler etwas erkläre, festige sich das Wissen des Kindes, das in die Lehrerolle geschlüpft sei.

In der Otfried-Preußler-Schule wird seit fast einem Jahrzehnt erfolgreich praktiziert, was momentan deutschlandweit ein großes Thema ist. Für Vanin steht fest: „Inklusion funktioniert – wenn sie richtig gemacht wird.“ Gern mache sie Aufklärungsarbeit und informiere sachlich über die verschiedenen Hintergründe von Beeinträchtigungen. Sie versuche, Vorurteile auszuräumen, ließe aber Stimmungsmache gegen Inklusion an ihrer Schule nicht zu. „Ich bin nicht ansatzweise bereit, Feindseligkeiten Tür und Tor zu öffnen.“ Das hat sich für die Schule in der Südstadt gelohnt: Jüngst wurde sie vom Deutschen Down-Syndrom-Center mit dem nationalen Preis für vorbildliche inklusive Arbeit ausgezeichnet.

So wie wir sind: Jeder ist anders

comp_IMG_9708_1Hannover ist Vorreiter. Ja, die Stadt an der Leine kann – oft als kühle norddeutsche City verleumdet – Leuchtturmprojekte rund ums gelungene humane Miteinander aus dem Boden stampfen. Ferien inklusiv und Klimaschutz – so hieß ein Sommerferiencamp für Kids, für alle Kids zwischen 6 und 14, ob nun mit bescheinigter Beeinträchtigung oder angeblich ohne eine solche. Die Vereine Aktiv DabeiSein und Down-Syndrom Hannover organisierten mit und in der Freien Martinsschule in Laatzen sowie mit der Unterstützung der Region und der Stadt Hannover, der Aktion Mensch, der BINGO Umwelt-Stiftung, der Stiftungen der Sparda-Bank und von Edeka sowie dem Therapie- und Sportverein Hemmingen eine Freizeit, bei der sich Mädchen und Jungen aus allen Lebenslagen, mit allen Hautfarben, allen Besonderheiten unkompliziert kennen und schätzen gelernt haben.

Von den Kindern lernen

Wir Alten reden so viel von Inklusion und wie das gehen soll – und die Jungen machen es uns vor. Natürlich muss die Unterstützung von pädagogisch engagierten Menschen gewährleistet sein, damit Kinder mit Besonderheiten sich selbstverständlich dazugesellen können. Aber ich denke, das macht eine soziale Gesellschaft aus, dass das WIR im Mittelpunkt steht. Eltern, die gegen eine inklusive Beschulung sind, weil aus ihrer Sicht das vermeintliche Prachtkind doch durch einen Mitschüler mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung zu kurz käme, kennen nicht die aktuellen Fakten von Wissenschaftlern wie beispielsweise Hirnforscher Gerald Hüther. Er und seine Kollegen meinen, dass gerade das Lernen in einer Gruppe unterschiedlichster Menschen zu mehr schulischen Erfolgen und sozialer Kompetenz führt. Durch den Lehr-Lern-Effekt, der eintritt, wenn ein Kind einem anderen Mädchen oder Jungen etwas erklärt, festig sich das Wissen des Kindes, das in die Lehrerolle geschlüpft ist. Und viele Mütter und Väter in der Rolle der Inklusions-Kritiker vergessen leider auch allzu oft, dass sie nur zufällig Eltern eines so genannten „Durchschnittskindes“ geworden sind. Auch ihre Familie hätte um ein liebes Menschenkind mit physischen oder geistigen Beeinträchtigungen vergrößert werden können. Und dann hätten sie vielleicht verstanden, dass Menschen mit Behinderung nicht automatisch am Rand stehen, dass sie vielmehr von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden.

Neue Freunde

Das gemeinsame Entdecken im Feriencamp förderte soziale Fähigkeiten, Toleranz und das Gefühl der Anerkennung. Jedes Kind dort war mit seiner Unterschiedlichkeit willkommen. Und die Mädchen und Jungen knüpften Freundschaften, fragten zwar nach Defiziten, doch die Erklärungen der Pädagogen reichten, damit die neuen Freunde akzeptiert wurden – und zwar so, wie sie sind.