Ich reibe mir die Augen und schüttle innerlich unaufhörlich den Kopf. In bitte wie vielen Sekunden hat sich die Welt so gedreht?! Gefühlt war es ein Fingerschnipsen, in Wirklichkeit entwickelte sich der Rechtsruck weltweit natürlich peu à peu und hat viele Auslöser. Rechtspopulisten aus Politik und anderen rechtsextremen Gruppen konnten an Einfluss gewinnen. Radikale Rechte befeuern antidemokratische und rassistische Ressentiments, verbreiten Fake-News und kreieren Verschwörungsmythen. Dabei nutzen sie perfiderweise die Krisen wie die Corona-Pandemie, den Angriffskrieg auf die Ukraine oder die notwendigen, nicht immer einfachen Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels.
Bei der Informationsflut heutzutage sorgen leider auch die Lügen der rechtsradikalen Lager für Wellenbewegungen. Wir driften ab. Vom gesunden Menschenverstand in einen Nachrichentaumel aus faschistischen Botschaften, geprägt von Unwahrheiten, bewussten Falschmeldungen. Die seriösen Medien stellen sich auf, sich dagegen zu behaupten, was gar nicht so einfach ist. Denn die Wahrheit – die ausgewogene Berichterstattung, bei der alle Beteiligten interviewt werden müssen, in alle Richtungen recherchiert werden muss – die ist eben vielfach nicht so spektakulär wie die rausgehauene Fake-Sensation. Und wenn dann alle Seiten gehört und von Journalisten neutral dargestellt worden sind, die diesen Namen noch verdienen, weil sie in ihrer Ausbildung gelernt haben, dass stets überparteilich und neutral berichtet werden muss. Ja, dann fühlen sich leider viele zu viele Nachrichtenempfänger überfordert von einer ausgewogenen Präsentation der Information, bei der sie sich selbst ein Bild machen sollen.
Warum denn selbst noch tief in den Gehirnschmalz gehen, wenn man das Aufbereitete von den Hochstaplern viel einfacher konsumieren kann?! Eine bedenkliche Entwicklung, die mir Angst macht. Einen rechtspopulistischen „Höhepunkt“ erreicht hat die Welt jetzt mit der Wahl des US-Präsidenten. „Warum?“, möchte man schreien. Die Antworten, ja, die sind dokumentiert. Sein Sieg ist das Ergebnis einer unzufriedenen, zutiefst gespaltenen Gesellschaft, in der viele demokratische Institutionen in den vergangenen Jahren einen großen Vertrauensverlust erlebt haben. Ein Bild, das auch durch Fake-News gebildet worden ist. Ein Depri-Szenario, das auch durch ein von Lügen geprägtes Drehbuch entstanden ist. Und doch – auch wenn die Unwahrheiten Trumps ihn nicht aus dem Rennen geworfen haben, warum konnte er als verurteilter Straftäter in ein so hohes Amt kommen? Warum wählten ihn so viele Frauen, einen Sexualstraftäter, einen, der Frauen verachtet und das öffentlich bekundet?! Kein Politiker spricht herablassender über Frauen als Donald Trump. Für mich ist das ein Zeichen. Ein Zeichen, das sich die Welt rückwärts dreht.
Frauen, wo seid Ihr? Warum lasst Ihr Euch das gefallen? Ich gehöre zur Generation X und feierte im Laufe der Jahre die kleinen Erfolge der Gleichstellung. Noch immer ist jede Menge zu tun. Frauen werden weiterhin in viel zu vielen Bereichen diskriminiert. Ob es ums Gehalt, um Anerkennung im Beruf, um das Selbstverständnis geht – der weibliche Teil der Bevölkerung in Deutschland muss sich noch so vieles erobern und erkämpfen, was für die Männer selbstverständlich ist. Und in anderen Ländern, wo die Stellung der Frau noch immer unterirdisch ist, gibt’s so unfassbar viel zu tun, das einem vor lauter Hürden schwindelig wird. Aber den Kopf in den Sand stecken ist keine Option. Und Machos eine Stimme zu geben ist geradezu ein Schlag ins Gesicht aller Kämpferinnen für die Freiheit der Frau. Damit geht die westliche Welt wieder einen Schritt zurück in der Geschlechtergleichstellung.
Frauen – solidarisiert Euch! Das ist wichtig! Seid forsch und fordernd! Es darf nicht sein, dass selbstbewusste Frauen, die ihre Kompetenz laut zeigen, die ihre Stärke darstellen, als arrogant und zickig benannt werden. Frau muss nicht gleicher Meinung sein, aber unterstützen, dass ihre Geschlechtsgenossin genauso selbstverständlich und kraftvoll auftreten darf wie die Herren der Schöpfung. Solidarität darf nicht zur Ausnahme werden. Wenn Demokratie, Gleichstellung und soziale Komponenten keine Rolle mehr spielen, wird sich das auch auf das Funktionieren und den Lebenswert der Gesamtgesellschaften auswirken.



Höher, schneller, weiter … So geht’s zu in unserer Welt. Alles Dagewesene muss nochmal getoppt werden. Nichts ist gut genug, so scheint es. Natürlich ist es entwicklungsspezifisch notwendig, dass der Mensch ehrgeizig ist. Für viele gute Dinge, geniale Erfindungen wäre der Weg niemals geebnet worden. Und sowieso wären wir ohne Antrieb allesamt höchstwahrscheinlich auf den Laufstegen der Höhlen unterwegs. Doch warum kann der Mensch das sinnvolle Maß nicht finden? Warum muss es immer noch weiter hinauf gehen, wenn beispielsweise der Sprung-Athlet dort nur noch mit unterstützender, nicht gerade gesundheitsfördernder Medikation hingelangt? Für mich sind diese ungesunden Rekorde keine Erfolge, sondern reiner Wahnsinn. Höher, schneller, weiter soll es auch für die Menschen im Alltag gehen. Sekündlich, so scheint es, sollen wir die Informationsflut dieser Welt filtrieren und diese nach Möglichkeit auch noch liken oder eben mit einem Shitstorm bedenken, diese verarbeiten, im Hirn bewegen, verdauen, speichern oder ausscheiden. Auch das der reine Wahnsinn. Aber als Normalität im Alltag anerkannt. Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen an Burn-Out und Co. erkranken.
Ich habe im Laufe meines Lebens schon viele Menschen kennen gelernt. Habe schon einige Jährchen auf dem Buckel. Und je mehr ich Gattungsgenossen studieren durfte, desto mehr weiß ich um die unspektakuläre Bedeutung des klassischen IQ. Wissenschaftlich gemessen kann man eine Zahl herausfiltern, aus der sich aber auf keinen Fall ein erfolgreicheres Leben ableiten lässt – nach dem Motto: Je höher der Intelligenzquotient, desto produktiver ist der Mensch. So ist es nicht. Die Lebenswege sind nicht abhängig vom Scharfsinn, wissenschaftlicher Bildung, sondern vielmehr von Zufällen, Entscheidungen, Ansichten aufs und rund ums Leben. Wer empathisch ist, fühlt sich in der Regel mehr mitten im Leben als derjenige, der der Intelligenz nach dem Duden angehört. Wer dazu noch über eine stabile Resilienz verfügt, hat gute Karten, die Hürden des Lebens mit Stärke zu nehmen. Hirnforscher wie Gerald Hüther propagieren längst, dass die Gesellschaft von morgen nicht die Intellektuellen prägen werden, sondern vielmehr diejenigen, die gelernt haben, in der großen Gemeinschaft den Einzelnen zu erkennen und Wert zu schätzen. Empathie ist das größte Pfund, mit dem man in Zukunft wuchern kann und sollte. Das Individium erkennen und Talente zusammenführen bringt den größtmöglichen Erfolg. Nicht nur für die persönliche Zielerreichung, nicht nur für eine soziale gesunde Gesellschaft, sondern auch für ein wirtschaftlich stabiles Land.
Fast drei Jahrzehnte lang machen es uns die USA vor, wie Barrierefreiheit grenzenlos funktioniert. Die Freiheitsstatue fährt Rollstuhl sozusagen. Die Staaten nehmen ihr Behindertengleichstellungsgesetz wörtlich – Americans with Disabilities Act (ADA) sorgt seit 1990 dafür, dass beeinträchtige Menschen, auf einem guten, auf einem barrierefreien Weg sind. Unbefangen unterwegs zu sein auch als Nicht-Fußgänger ist in deutschen Gefilden ein Wagnis. In zahlreichen Restaurants und an vielen Orten der Sehenswürdigkeiten gibt’s noch nicht mal eine Behindertentoilette. In Amerika ist der touristische place to be standardmäßig mit einer solchen ausgestattet. Und wenn nicht, hat der Freizeittreff eine Außenseiterrolle. Ja, hallo, das geht. Nichtbehinderte erklären sich solidarisch mit eingeschränkten Zeitgenossen und meiden den Ort der Nachlässigkeit in Sachen Barrierefreiheit. In den USA sind ausreichend barrierefreie Hotelzimmer vorhanden, Mietwagen kann man beispielsweise überall mit Handgas mieten, wenn man nicht per pedes fahren kann. Was für eine Signalwirkung!
Da stand Dr. Louwen, der sich rühmt, ein Berater in Sachen Schwangerschaft und Risiken zu sein, am Pult mit Klaus Kleber im ZDF heute journal und behauptete, dass es auch eine Frage der Finanzen sei, sich ein Kind mit Behinderung „leisten“ zu können. Schade, dass er als Leiter einer bekannte Klinik für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik ein so sicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit hatte. Noch nie gab es so viele Unterstützungs- und Fördermöglichkeiten für Mädchen und Jungen mit Beeinträchtigung wie heute. Aber Dr. Louwen scheint noch in einer anderen Zeit zu leben, denn er sprach im heute journal auch von einer Erkrankung im Zusammenhang mit dem Down-Syndrom. Fakt ist jedoch, dass Trisomie 21 eine Genbesonderheit ist und keine Krankheit. Und um diese ging es auch in dem aktuellen Beitrag der ZDF-Nachrichtensendung. Vielmehr um die jetzt nahende Orientierungsdebatte im Bundestag, ob der Bluttest zur Fahndung nach Trisomie 21 eine Kassenleistung werden soll.
Der Streit um inklusive Bildungsmodelle nimmt skurrile Ausmaße an. Von einer Pause, die man in diesem Bereich mal machen könne und solle, so lauten die Schlagzeilen in der hannoverschen Medienlandschaft. Wie bitte? Ein Menschenrecht soll pausieren?! Soweit kommt es noch! Inklusive Beschulung funktioniert – das beweist alltäglich zum Beispiel die Otfried-Preußler-Schule in der Südstadt Hannovers. Eine Grundschule, die Kinder mit und ohne Beeinträchtigung zum Lernen einlädt. „Inklusion – aber richtig!“: Das ist das Motto aus meiner Sicht.